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Sonntag, 29. Juni 2014


Der geplante Besuch von Stonehenge und weiteren Sehenswürdigkeiten und Ortschaften findet nicht statt, weil die Leihwagenfirma eine englische Telefonnummer von uns haben will, die wir mangels Hotel nicht liefern können. Skurril. Stattdessen legen wir wieder ab und verziehen uns für 2 Tage vor Anker in die wunderschöne Flussmündung „Newtown Estuary“ auf der Isle of Wight, die uns mit ihrer friedlichen Stimmung, der entspannten Vogel- und Tierwelt, der absoluten Ruhe und dem Rhythmus von Ebbe und Flut einlullt und Teil von sich werden läßt.







Im herrlichsten Sommerwetter können wir baden und lange Spaziergänge in der Umgebung machen. Damit wir überhaupt an Land kommen, baut Paul erstmalig unser Beiboot auf.







Der National Trust (NT) kassiert Liegegebühren von immerhin umgerechnet 24 € pro Nacht für das Bereitstellen einer bequemen und sicheren Mooring/ Boje. Das ist gut ausgegebenes Geld, hat der NT die ganze Mündungsgegend doch vor 50 Jahren gekauft, um die damaligen Pläne, in dieser Naturlandschaft ein Kernkraftwerk zu bauen, zu vereiteln und seitdem wird die Pflege dieses sehr großen Naturreservats von Spendengeldern und Liegegebühren bestritten.

Weil es uns hier so gut gefällt, segeln wir, nachdem uns Jerry von „Solent Covers“ in Lymington termingerecht das neue, perfekte Sonnensegel für das Cockpit liefert, …


… noch einmal für 1 -2 Tage wieder her und können auf dem Weg dorthin die Regatta der berühmten Cowes Week bestaunen.









Weiter geht es dann nach Weymouth (also von Hampshire in die Grafschaft Dorset), wo wir in der Flussmündung mitten in der hübschen, alten Hafenstadt an einem öffentlichen Anleger liegen. Hier ist was los. Es liegen gesprächige Segler aus Holland und England mit interessanten Yachten in unserer Nähe und nach einer Weile wissen wir auch, warum in diesem Teil des Hafenbeckens keine „Päckchen“ entstehen, also Gruppen von nebeneinander vertäuten Booten: Wer hier schon einmal war, weiß, dass irgendwann die gruselige Guernsey-Trimaran-Fähre heranbraust und die ganze Nacht ihre Generatoren dröhnend laufen lässt (siehe Fotohintergrund).


Aber toll dass die Hafenmeisterei mit sauberen, modernen Duschen aufwartet. Beim Gang durch den Ort erkennen wir, dass die vielen Urlauber von dem breiten Sandstrand, den vielen Pubs, Cafés und Restaurants an der Promenade und in den netten Gassen angelockt werden und die 200jährige Tradition als Seebad begründen. Uns Frischluftverwöhnten verschlägt jedoch der Fritten- und Kloakenduft am Strandcafé den Atem, sodass wir gerne am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder in See stechen, 50 Seemeilen vor uns bis Torquay.

Nach anfänglicher Flaute schieben uns aber bald der Strom und ein 3 bis 4er Wind rasant nach Westen, über umgerechnet eine Strecke von Heidelberg nach Frankfurt. Segeln vom Feinsten hoch am Wind ohne Welle bei wunderschöner Wärme und Sonne. 9 Stunden vergehen im Fluge über die blauen weiten Wasser. Wir lesen (uns gegenseitig vor), kochen, schlafen und treiben Sport (jawoll: Krafttraining, Dehnung, Hanteln, Gewichtsmanschetten, der Niedergang als Step; Tamla Motown per i-Pod die Seele und das Bein erhebend im Ohr). Die ZEIT amüsiert uns köstlich mit ihrem Reiseteil zu Amsterdam. Und immer wieder die Wahnsinnsfreude über die berauschende Geschwindigkeit des Segelns weitab aller Ufer.
An dieser Stelle sei erwähnt, dass unsere 2silbige Berta, welches unsere 6silbige Selbststeueranlage ist, seit ihrer Reparatur in Vlieland fehlerlos ihren Dienst tut. Paul und dem Einsatz der „Kohlen“ sei Dank.


Torquay (Grafschaft Devon) empfängt uns abends mediterran: Die hohen Felsen am Eingang der Bucht mit den Villen und dem üppigen Grün machten sich auch an der Cote d´Azur gut aus. Zusammen mit den Nachbarorten bildet Torquay die berühmte „English Riviera“. Mildes Klima und eine palmengesäumte Uferpromenade sorgen für Urlaubsstimmung. Hier schauen wir uns alles an ...




... genießen Cream Tea (Tee mit Sahnebutter und Scones auf Wunsch mit Erdbeermarmelade; köstlich!), …


... und nehmen den Ausverkauf bei „Hoopers“ wahr. Es regnet am zweiten Tag aber sehr und nachhaltig. Was nun? Hm, wenn wir schon ein paar Tage im Hafen abwettern müssen, dann lieber schnell noch nach Dartmouth. Diesem Ort eilt der von vielen fürsorglichen Engländern wiederholte Ruf voraus, wunderschön zu sein, ein Muss für alle Südenglandreisenden: “You will like it!“

In einer Schauerpause verabschieden wir uns dann von den netten englischen Nachbarn am Steg, lassen den Motor an und sind nach 2 blöden Motorstunden dort. Hohe kurze Welle, kein Wind, rollendes Boot, laut im Traveller schlagender Großschotblock, viele in den Wellen tauchende und oft erst in letzter Sekunde auszumachende Fischernetzbojen: „Segeln“ zum Abgewöhnen.

Die Einfahrt nach Dartmouth ist allerdings wirklich etwas Besonderes, nämlich fast eine Schlucht wegen der links und rechts sich erhebenden Berge bzw Steilküsten. Diese geographische Besonderheit ist nicht nur schön, sondern war über Jahrhunderte hinweg auch sehr praktisch für Seefahrt und Marine. Auf der geführten Tour durch die Stadt erfahren wir, dass Richard Löwenherz hier 1190 an Bord seines Schiffes für einen Kreuzzug ging, 1347 sammelte Edward III. in Dartmouth die englische Flotte zur Belagerung von Calais, 1588 trafen sich hier die englische Schiffe zum Kampf gegen die spanische Armee. Und 1944 ankerten hier 400 amerikanische Schiffe, um die Invasion der Normandie vorzubereiten.
Das kleine Städtchen weist malerische Fachwerkhäuser, Gassen, Plätze und Treppen über Treppen hoch und runter auf und lädt mit seinen geschmackvollen Boutiquen und Cafés zum Bummeln ein. Aber es regnet.






So fahren wir am 2. Tag lieber mit dem Bus nach Totnes, einer geschichtsträchtigen, schönen, alten Marktstadt am River Dart, wo wir im Regen wenigstens unter den Arkaden der kleinen Hauptstraße dieser „alternativen Hauptstadt Großbritanniens“ wandeln können. Der Führer schreibt davon, dass man sich an Markttagen Horoskope erstellen lassen kann. Tatsächlich sehen wir eine Tarotkartenverkäuferin. Öh, und verkauft die auch Marihuana oder was sind das für Pflanzen? Geschäftigen, großen, schlanken, gesund aussehenden Althippies und Freaks, bei Regen durch die Straßen eilend, können wir auch hinterher schauen. So unser Alter, ganz grau. Lange Haare, Kleidung nicht so straight wie unsere. Und so. (No photos, sorry.)
Der Rückweg ist immer noch verregnet, …






Und im Regen geht es per Schlauchboot „nach Hause“. Heizung an. Tea and bisquits. Hach, wie gemütlich. Es wird mit 12 Grad die kälteste Nacht seit unserer Abfahrt in Flensburg.