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Donnerstag, 24. Juli 2014

Es dröhnt. Gegenüber im Hafenbecken voller Fischereifahrzeuge mit ihren laufenden Motoren bzw Generatoren steht Spannung in der Luft. Sturmwarnung: 7-8 Beaufort. Auslaufen und Fischfang vertagt.Unruhe und Druck entladen sich gegen Abend mit Sturmspitzen von 21 m/s (8-9 Bft) und den folgenden Regenfluten. Ich koche noch die Sauce Bolognese für die nächsten Tage auf der Biskaya; Paul lädt die neuesten Fotos herunter. Kaum liegen wir um 23.30 gemütlich in der Vorschiffskoje, hektische Rufe in der schmalen Gasse zwischen unserem Heck und den gegenüber längsseits vertäuten Fischerbooten: „Vas y, vas y, vas y!“-Rufe und eine laut orgelnde Schiffsschraube.
Ein Boot schießt hinter uns vorbei.
Wir sind in Newlyn, ganz an der Südwestecke von Cornwall/ England und wettern hier den Wind ab statt, wie eigentlich geplant, zu den Scilly Islands zu segeln.
Auf Kanal 16 (Anruf- und Sicherheitskanal) verfolgten wir vor ein paar Stunden die Kommunikation zwischen Coast Guard und Seenotrettern zum Seenotfall einer französischenYacht, die vor Penzance – keine Seemeile von hier entfernt – mit ihrer Mooringtonne (in einer Bucht kann man daran fest machen statt zu ankern) auf Felsen getrieben war. Höchst spektakulär dann das Auslaufen – nein, Rausschießen – der zwei Seenotrettungsboote mit brüllenden Motoren in der Gasse hinter uns.
Und nun stürmt um halb 12 Uhr nachts noch ein Franzose mit seiner Dehler 39 herein und schießt prompt an dem Einfahrtsschild (No yachts beyond this point. Fishing vessels only.) vorbei. Als Paul noch einmal kurz auf den Beinen ist und etwas ausknipsen will, ertönt noch einmal: „Vas y, vas y, vas y!“ (Los! Mach schon! Hier rein!). Er steckt seinen Kopf aus der Luke und schon wirft man ihm Leinen zu. Rumms! 'Man suutje' erschüttert. Das war ein „Anleger patent längsseits“. Nicht schlecht, dass es Fender gibt. Die Crew ist kopflos. Von den 3 Männern hat in diesem Moment keiner den Überblick. Aber Paul bedeutet ihnen ruhig, was zu tun ist: Festmacher nicht nur fest halten sondern an einer Klampe belegen. Wie wir am nächsten Tag erfahren, waren die Franzosen von Frankreich herüber gesegelt und hatten keine schlechte Wettervorhersage gehabt. 2 der Männer fielen in den 3 extremen Sturmstunden wegen Seekrankheit aus. In solch einer Situation ist man schlicht froh, einfach nur vorne und hinten fest zu sein und hat wenig Sinn für die Raffinessen der Anlegekunst.

Nachdem alles fest ist, leitet Paul draußen im nighty und bei Nieselregen seinen Rückzug in die Koje mit einer höflichen Konversation ein. In den warmen Federn meiner Koje höre ich:
„Bonjour! Where are you coming from?“ „From … (ein Ort in Frankreich).“ „Oh, it was heavy, or?“ „Yes, very strong winds. Very rough sea. Very very rough.“ „... weather report! … weather report!“ Oha! Dass Paul auch mal schulmeisterlich sein kann! Das ist sonst mein Privileg, aus- und eingeübt in 34 Dienstjahren, in denen ich 5 Tage die Woche meistens morgens recht hatte.

Jedoch ist der Nachbarskipper am nächsten Morgen, als er und Paul zufällig zeitgleich auf der eiligen Suche nach Toiletten im Hafengelände unterwegs sind, keineswegs beleidigt, sondern zeigt sich ehrlich interessiert an Pauls „weather reports“. Mögen Windguru und Gribdaten ihm nun bessere Dienste erweisen.
Und nun sind wir in Cedeira an der Nordküste Spaniens, schaukeln sachte vor Anker in lauen Lüftchen und Sonne. Hier bleiben wir erst einmal ein paar Tage: Baden. Blog schreiben. Zu den Windmühlen auf dem Berg wandern (Paul ist mit Wasserflasche und Kamera im Rucksack unterwegs. Windmühlen ziehen ihn magisch an), die sich als Boten von richtig Wind außerhalb dieser Bucht betriebsam drehen.

Wir sind sehr gut über die Biskaya gekommen. Aus dem Jahre 1979 habe ich den Bericht der ersten Biskaya-Überquerung meiner Eltern hier, die trotz annehmbarer Wettervorhersagen schrecklichen Stürmen ausgesetzt waren. Meine Mutter hatte 3 Tage nicht schlafen können und Todesängste. (Dass sie danach noch 4 mal durch die Biskaya zum Mittelmeer hin und zurück segelten, läßt mich auch im Nachhinein noch innerlich vor Hochachtung stramm stehen. Ihr Motto: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.) Glücklicherweise kann man extreme Stürme heute mit der nötigen Geduld weitgehend vermeiden, weil die Möglichkeiten, Wettervorhersagen einzuholen mit Internet und Wlan viel besser geworden sind.
Zur Überquerung weiter unten noch etwas Text.




Hier erst einmal ein paar Fotos von den letzten Wochen.


Salcombe in Devon – Naturhafen; kleiner Ort mit verwinkelten Gassen, Boutiquen, Galerien, Pubs. Strände; Hänge voller Luxusvillen, schöne Küstenwanderwege








Fowey in Cornwall - „Perle der cornischen Reviera“; Seeräuberstadt im Mittelalter; heute bekanntes Segelzentrum; Fischer, Möwen; schmucke Gassen, netter Tourismus; starke Gezeitenströmung; der Schaukelei den Fluss hinauf für eine Nacht ausgewichen





Mit dem Bus zu den „Lost Gardens of Heligan








Falmouth – Naturhafen; Stadt gegründet von einem berühmten Piraten und Schmuggler, Überfälle auf französische und spanische Schiffe; zur Abwehr von Gegenangriffen ließ Henry VIII Pendennis Castle als Festung errichten, amüsanter Vortrag in die dortigen Verteidigungsstrategien vom 16. Jhd bis zum 2. WK. Steile enge Straßen, Waschtag; Sturzregen, pitschnass geworden; Fußball WM in Pub: Deutschland - Brasilien, Niederlande – Argentinien; 3. Reff ins Großsegel einbauen lassen








Zu Hause bei Familienfeier in Etelsen. 1,5 Tage per Bahn hin, 1 Tag zürück.
Fröhliche 2 Tage dort.



Newlyn – zwischen Penzance und Mousehole; bedeutendster Fischereihafen Cornwalls; Zwischenstop wegen Sturm eigentlich auf dem Weg zu den Scilly Islands; für uns der schönste Hafen an der englischen Südküste überhaupt, kaum auf Tourismus hin orientiert; hier erstes Fischgeschäft in Südengland gefunden








Zu guter Letzt noch eins:
Unser Abschieds-Pub-Besuch in England im Swordfish in Newlyn. Es war der Freitagabend vor unserer Biskaya-Überquerung und wir wollten gut ausgeschlafen ins Bett. Im Swordfish angekommen wurden wir von einer 3-Mann-Band unseres Alters überrascht, die Musik unserer jungen Jahre spielte. Zu Give me a ticket for an airoplane, There´s wisky in the jar usw ließen wir 3 Stunden mit wachsender Begeisterung das Tanzbein schwingen. Es war hinreißend.
 
Nun noch zur Biskaya-Überquerung. Wenn er denn ein Probelauf für die Atlantiküberquerung war, dann kommen wir wohl zurecht.
Das Schaukeln hat uns nichts ausgemacht. Kochen und Schlafen war problemlos. Wir konnten bei hohem Wind allerdings auch zum Schlafen in die nicht so schaukelnde Achterkajüte ausweichen. Wache auch nachts abwechselnd zu gehen war auch problemlos. Jedoch gelten diese Erfahrungen bisher nur für 4 -5 Beaufort.
Die ersten drei Tage haben wir genossen. Wir hatten Sonne und herrliche, leichte Winde und lange, sanfte Wellen. Auch die Energiebilanz stimmte. Silent wind und Solarpaneele erfüllten die Erwartungen, die Batterien waren immer voll genug, um alles zu betreiben: Kühlschrank, Autopilot, Navigationselektronik und nachts auch die Positionslichter.
Kurz nach Erreichen des Kontinentalschelfs (der 1000 m Grenze) begrüßte uns abends gegen 21h eine größere Gruppe von Delfinen. In regelmäßigen Abständen wiederholten sich solche Delfinbegegnungen dann, insgesamt waren es wohl weit über 100 dieser sehr anmutigen Tiere. Am 2. Tag hatten wir eine kurze Begegnung mit einem Wal, ca. 200 m neben uns.

Am Ende hatten wir 5-6 Stunden halben Wind und satte 6 Windstärken mit 2 m-Wellen und dies fanden wir anstrengend, auch wenn unsere Selbststeueranlage alles problemlos steuert. Wir wissen, dass das Boot gut ist und viel „ab“ kann. Aber können wir bei solchen Wellen auch kochen und schlafen?

Wettervorhersage: Kurz vor der Abfahrt hatten wir noch einmal die Grib-Daten aufgefrischt, die Wind/Luftdruck und auch Bewölkung/Niederschlag für das Gesamtgebiet für die nächsten 7 Tage anzeigen. Die Vorhersage war weitgehend zutreffend. Zum Test wurde aber auch mittendrin per Satellitentelefon des „Streckenwetter“ von Meno Schrader, dem schleswig-holsteinischen Wetterfrosch, abgerufen.