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Mittwoch, 29. April 2015

Aus Antigua und Guadeloupe

Was machen all diese Menschen in ihren Dinghis denn hier?
Es ist eine Stunde vor Sonnenuntergang. Sie haben sich Getränke und Essen mitgebracht, das von Boot zu Boot zu Boot herum gereicht wird.
Fast alle sind aus den USA. Die Stimmung ist gut, man unterhält sich angeregt.
Sie sind - seht selbst - auf einem Dinghi-Konzert! Alle hängen festgebunden am Heck dieses Dampfers. Es treten nacheinander verschiedene Musikanten auf. Bei besonders schwungvollen Songs wird sehr zum Vergnügen aller sogar auf den schaukeligen Böden der Schlauchboote getanzt.

Von Antigua sehen wir schon viel per Bus. Die Fahrt mit dem Mietwagen über Antigua lohnt sich aber trotzdem wegen der kleinen Ausstellung auf Betty´s Hope: Eine Zuckerrohrplantage, die - exemplarisch für die koloniale Plantagenwirtschaft in der Karibik insgesamt- den Aufstieg und Untergang dieses Wirtschaftszweiges, die gnadenlose Ausbeutung des Bodens und der darauf arbeitenden Menschen verdeutlicht.
Leider sind alle folgenden Dateien auf Englisch, aber diese erste hat auch viel Visuelles:


Die Texte und Schaubilder der Ausstellung fotografieren wir und stellen sie hier für die Interessierten unter Euch hinein. Die Texte sind informativ, z.B. lest Ihr hier, dass die Ortschaften mit Namen wie Liberta, Freemans oder Freetown auf Antigua von ehemaligen Sklaven nach der Abschaffung der Sklaverei 1834 gegründet wurden.

Betty's Hope - Ausstellungstexte


Wer sich weiterhin für Zuckeranbau in der Karibik mit all seinen Implikationen interessiert, wird sich für den Artikel Centuries of Sugar: St. Kitts Heritage and Identitiy ( http://www3.wooster.edu/stkitts/essay.htm ) begeistern können. Der Text fragt z.B., ob es nicht seltsam ist, dass sich bis Ende des 18. Jahrhunderts ausgerechnet Tee als Nationalgetränk in einem Land durchsetzt, das Tee aus Indien und Zucker aus der Karibik importiert und bis Anfang des 18. Jahrhunderts Zucker so gut wie nicht kennt. Der Text überlegt, ob es damit zu tun haben könnte – und wir wähnen uns heute im Zeitalter der Globalisierung! - , dass man in Europa mit jeder Tasse Tee mit Zucker drei mal täglich einen Toast auf die glorreiche Tatsache zelebrierte, den Globus als Kolonie und Plantage zu besitzen.
An anderer Stelle behauptet der Text, dass sich um das Leben der Pflanzerfamilien einige Mythen ranken und dass es heute oft romantisiert wird: Nicht selten war es nämlich nicht entspannt, vornehm und luxuriös. Trockenheit, Hurrikans, flukturierende Zuckerpreise gab es zu Zeiten der sog. Plantokratie auch, sodass viele Pflanzer aufgaben. Die Atmosphäre war zumeist alles andere als harmonisch durch den gewalttätigen Umgang mit den Sklaven, die zu keiner Zeit einverstanden mit ihrem Status waren und deshalb verschiedene Formen des Widerstands praktizierten, etwa Bummelarbeit, Zerstören von Arbeitsmaterial, Fliehen, offene Feindseligkeit, Stehlen um zu Überleben bis zu gemeinschaftlichen Revolten. Dafür gab es ein System von brutalen Bestrafungen wie Auspeitschen, Gliedmaßen abhacken und anderen Folterungen. Diese Gesellschaften waren nicht friedlich, für niemanden, behauptet der Text. Familien wie die Codringtons auf Betty´s Hope aber lebten lange Jahre ihres lukrativen 270jährigen Familienbesitzes gar nicht auf Antigua sondern in England und ließen ihre Landwirtschaft mit 300 bis 400 Sklaven von Verwaltern bewirtschaften.

Bei der Recherche stoßen wir auch auf den 55-minütigen BBC-Film Nelson´s Caribbean Hell-Hole  zu den Ausgrabungen in English Harbour und bei Betty´s Hope. Unter anderem werden Antworten auf die Fragen gesucht, warum so viele junge englische Matrosen im 18. Jahrhundert den Tod nicht auf dem Schlachtfeld sondern in der Hängematte fanden und warum Admiral Nelson beautiful English Harbour auf Antigua die „Hölle“ nannte.


Am Mittwoch letzter Woche segeln wir bei wunderschönem Wind nach Deshaies/ Guadeloupe.
Hier wird nun
  • das Rigg kontrolliert,
  • ein neues Fall eingezogen, dafür zwei Mal den Mast hochgeklettert,
  • die Wäsche gewaschen und zum Waschen an Land gebracht,
  • Proviant besorgt, dafür drei Dörfer weiter (vor Sainte-Rose) zum sehr gut sortierten SuperÜ gefahren,
  • alle Schapps und Fächer geordnet und gelüftet (ebenso die seit Monaten ungenutzten Bettdecken),
  • das Unterwasserschiff gereinigt (Paul tauchte gestern mit hochrotem Kopf aber glücklich, den Spachtel in der Hand wieder auf: Er hatte zwei sehr zähe Seepocken von der Unterwasserbordwand abgekratzt. Na, wenn das man nicht zu viel Speed gibt!),
  • der Motor gewartet,
  • die Großschot repariert,
  • ...
Außerdem schauen wir uns Guadeloupe ein wenig näher an. Der Botanische Garten hier in Deshaies ist umwerfend.



Die trockenen Virgin Islands und das regenarme, dürre Antigua noch vor Augen sind wir hier überwältigt von dem Kontrast: Üppiger, grüner und fruchtbarer geht es kaum. Seht selbst:
Auf Guadeloupe werden noch viel Zuckerrohr und viele Bananen angebaut.

Auf Basse-Terre/ Guadeloupe kann man prima wandern.
Hier bekommt man Orientierung, die man unterwegs aber wieder verliert ;).
Erfrischend kühl ist es im dichten Wald.
Am Ende des Wanderweges bei Sofaia erfrischen wir uns hier in schwefelhaltigem Duschwasser.
Downhill per Auto

Eindrücke aus Guadeloupes größter Stadt Pointe-A-Pitre 

Fischstand direkt am Hafenbecken des Hauptplatzes Place de la Victoire.
Die meisten von uns durchstreiften Straßenzüge sind eher nicht so schön. ...
... Es gibt aber deutliche Bemühungen der Verschönerung, ...
... hier sehr gelungen.
Musée Schoelcher: Der Elsässer Victor Schoelcher hat im 19. Jhd das Ende der Sklaverei auf den Französischen Antillen erkämpft und wohnte in diesem Schmuckstück der Architektur im Kolonialstil.
Paul riskiert einen Blick auf traditionelle kreolische Kleidung. Schade, nicht echt, die Damen.
Jazzlokal? 
Am Montag Nachmittag startet mein Flug nach Paris. Von dort geht es am nächsten Tag mit dem Zug weiter nach Heidelberg, wo mein Sohn Tillman mit ein paar Urlaubstagen extra aus Berlin anreist und mich in Empfang nimmt. Darüber freue ich mich riesig.


Und besonders freue ich mich, dass Paul auf dieser Atlantiküberquerung in Jürgen und Tede so gute Mitsegler hat! Sie segeln nun die ganze Strecke bis Südengland mit. In dieser Besetzung wird alles gut gehen. 
Paul meldet sich hier im Blog noch einmal nächste Woche vor dem Ablegen.

Montag, 20. April 2015

Antigua Classic Yacht Regatta und die weiteren Pläne

In der wunderschönen Bucht von English Harbour nahmen wir gestern die Parade der Superlative unter den Klassischen Yachten ab. Die Fotos davon möchten wir euch nicht vorenthalten.
Chronos und Kairos aus den Niederlande/ www.sailing-classics.com
Größte Crew
Schnittigstes Schiff und höchster Mast

Übrigens ist uns das außergewöhnliche Glück, diese Reise machen zu können, jeden Tag bewusst, besonders im Kontrast zu den eingeschränkten Möglichkeiten der Menschen in den von uns bereisten Ländern. Wir haben das Privileg der Geburt in unserem Land – in unserer Generation.

Jedoch gibt es in diesem Traumleben durchaus Sehnsüchte und Wünsche.

Zum Beispiel die Sehnsucht nach der Waschmaschine zu Hause. Was von der Wäsche noch in gutem Zustand ist (das meiste ist ruiniert), könnte dort eine Chance auf Fleckenverlust haben.

Die Tageszeitung aus Papier mit lokalen Nachrichten steht auch auf der Wunschliste.

Deutschlandfunk wurde ein Jahr lang schmerzlich vermisst. Wie spricht man Tsipras eigentlich aus?

Weiterhin freuen wir uns auf viele kleine Dinge in der Heimat: Auf kühle frische Morgenluft, den Duft von Erde nach Regen, einen Spaziergang im Wald, das Fahrrad vor der Tür. Ebenso sind kreative Salate und das eigene große Bad große Sehnsuchtsobjekte. Und etwas Heimweh nach beautiful old Heidelberg gibt es auch.

2 Dinge vermissen Paul und ich richtig stark.
Das eine ist Bewegung. Sport. Auspowern. Hier ist es oft zu heiß.
Das andere sind Freunde und Familie. Ein Jahr Abwesenheit heißt, ganz vieles nicht mit zu bekommen, nicht teilen, nicht mit tragen, nicht mit bejubeln zu können.

Diese Schiffe sind wahre Schönheiten
Sincerity aus Norwegen
Peter von Seestermuehe aus Deutschland/ www.peter-von-seestermuehe,de
Argo von den BVI
Hier wird gejohlt und geklatscht während die Yachten defilieren

In 2 Wochen heißt es für mich „Karibik, adieu!“, denn ich fliege nach Hause. Paul und ich sind dann fast auf den Tag genau 1 Jahr mit man suutje auf Reisen gewesen. Wir hatten ab Juni 2014 bis heute nur Sommer. Wir haben ungefähr 7200 Seemeilen, also 13330 Kilometer hinter uns gelegt. Dabei besuchten wir 6 europäische und 12 karibische Länder, mit denen wir uns intensiv beschäftigten.
Veränderung, Neues und Herausforderungen standen täglich auf unserem Programm. Ein spannendes, abwechslungsreiches, genussvolles Leben.

Für Paul geht es noch einmal sehr spannend weiter.
Am 6. Mai 2015 kommen sein alter Schulfreund Jürgen und dessen Sohn Tede, zwei gestandene Segler. Miteinander segeln sie die nördliche 2500 sm-Strecke von Guadeloupe zu den Azoren, die eine größere Herausforderung darstellt als die erste Atlantiküberquerung von Ost nach West. Während man auf dem Südatlantik relativ gleichmäßige Passatwinde von achtern hat, zieht im Norden eine Vielzahl von Tiefs mit entsprechend starken Winden aus verschiedenen Richtungen über den Atlantik. Die erste Etappe von ein paar Hundert Seemeilen verläuft allerdings durch ein notorisches Flautengebiet, für das möglichst viel Diesel zum Motoren gebunkert wird. Es ist nicht geplant, auf den Bermudas einen Zwischenstopp einzulegen. Insgesamt veranschlagt Paul 20 – 25 Tage bis zu den Azoren.
Dann fliegen Jürgen und Tede nach Hause und Jens kommt eingeflogen.
Meine Rolle wird das Wettercoaching vom heimatlichen Computer aus sein, um erst Ende Juni in Südengland wieder für den „Einkehrschwung“ an Bord zu gehen und das gemeinsam begonnene Abenteuer bis nach Flensburg zu Ende zu segeln. 

Samstag, 18. April 2015

Antigua revisited

Das Ablegen fällt uns nicht schwer: Montserrat ist nicht unsere Insel. Die Menschen dort haben ein schweres Los zu tragen: Durch die Eruptionen des Vulkans Soufrière 1995, 1997, 2006, 2008 und 2010 ist nicht nur die Hauptstadt zerstört sondern auch der Optimismus der Bevölkerung getrübt worden: Von den ehemals 11000 Bewohnern der Insel ist mehr als die Hälfte emigriert. 2/3 der Inselfläche sind abgesperrt worden und unzugänglich. Auch von Hurrikans ist die Insel nicht verschont geblieben. Es kommen nicht viele Touristen nach Montserrat und auch nicht viele Segelboote. Vielleicht verleitet die überschaubare Anzahl von Besuchern den einen oder anderen Inselbewohner dazu, sich wenigstens an den wenigen schadlos zu halten. Wir waren jedenfalls mehrfach schamlosen Abzock-Versuchen ausgesetzt.
Der rot gerahmte Bereich um den südlichen Inselteil herum ist die "Maritime Exclusion Zone", also der Bereich, der auch für die Seeschifffahrt gesperrt ist. 
Geankert haben wir 2 Nächte im Nordwesten in der Rendezvouz Bay, die hübsch ist aber genau wie der Platz vor dem Hafenort in Little Bay dem Seegang ausgeliefert.
Nächtliche Flugabenteuer sind auch für Fliegende Fische riskant. Diesen hübschen Vertreter seiner Art finden wir morgens an Deck.
Montserrat im Kielwasser
Eigentlich wollten wir nach Guadeloupe, aber da der Wind um die Ecke von Montserrat anders als vorhergesagt ist, passt es super nach Antigua. Also segeln wir dieses Mal in die Bucht von Jolly Harbour.

Hier unterzeichnet Paul Papiere für die Zollfreigabe des bestellten und pünktlich gelieferten neuen Vorsegels. Wir können es Montag abholen.

In English Harbour beobachten wir die Antigua Classic Yacht Regatta.
Dafür klettern wir spontan auf die nächste Ecke. Mit falschen Schuhen aber traumhaften Ausblicken in jede Richtung
Nelson´s Dockyard von oben
Ganz oben ist der ehemals mit Harm hart erkämpfte Gipfel Shirley Heights
Fort Berkely riegelte den Hafen im 18. Jahrhundert als wichtigsten englischen maritimen Stützpunkt der Kleinen Antillen gegen nicht-englische Handelsschiffe während der Navigationsakte ab. Auch für die (französischen) Feinde war der Hafen uneinnehmbar.
Zur Belohnung für die Anstrengung in der Hitze ein Besuch in dem uns schon bekannten Café.
Historische Relikte vom Ende des 18.Jahrhunderts in Nelson´s Dockyard
Durch die Sohle ...
... immer wieder! Eindeutig die falschen Schuhe.
Nachher segeln wir nach English Harbour, weil es uns dort so gut gefällt und weil das Busfahren von Jolly Harbour dorthin mindestens 45 Minuten dauert. Man kann dort schön ankern und morgen findet die Parade der klassischen Yachten statt.

Sonntag, 12. April 2015

St Kitts und Nevis


St. Kitts, White House Bay: Weiter Blick und hohe Preise
Rost und Wellblech  für die Schickeria
St Kitts und Nevis sind englische (zeitweise französische) Pflanzerkolonien gewesen; heute unabhängig. Das bedeutete Monokultur (Zuckerrohr), Plantagensystem, Sklaverei. Wie Monserrat mit 915 m ragen St Kitts mit 1156 m und Nevis mit 985 m schroff und steil aus der Karibischen See, weisen hohe Niederschläge auf, sind z. T. mit Regenwald bedeckt und an den langen seichten Abhängen sehr fruchtbar. Der Zuckerrohranbau wird allmählich aufgegeben und weicht der "Grünbrache".

Annäherung an Nevis. Die Bergspitze lag meist in den Wolken, die häufig am Tag die Umgebung beregneten.
Fotos vom Spaziergang durch Charlestown, dem Hauptort von Nevis
Schöne alte Holzhäuser z. T. im Zuckerbäckerstil

75 Kirchen für 12 000 Einwohner
Diese Kirche liegt im Norden von Nevis.
Es gibt sehr sehr viel ungenutztes Land
und auch viele Ruinen außerhalb der Ortschaften.
Nevis hat schöne lange Strände aber wenige Urlauber.
Pelikane lieben auch Boote und klares Wasser.
Zusammen mit Andrea und Klaus machen wir eine Inselrundfahrt. Plötzlich lagen sie mit ihrem Boot neben uns. Welch eine Überraschung! Vor 5 Monaten waren wir Bootsnachbarn in Teneriffa gewesen. Im Januar waren sie über den Atlantik nach Grenada und dann die Inselkette der Kleinen Antillen hoch nach Norden gesegelt und wollen auch im Mai die Rücktour nach Europa antreten.

Ein sehr kundiger Taxifahrer, im Hauptberuf Polizist, zeigt uns wunderschöne alte Anwesen von Pflanzerfamilien. Uns begeistern ihre tropischen Gartenanlagen. Heute dienen ein paar besonders prächtige Herrenhäuser als luxuriöse Hotels und Restaurants.
The Hermitage ist ein familiengeführtes Hotel
Bibliothek, Wohnzimmer: Luxuriöser Kolonialstil
Fine Dining
Unterkünfte für die Gäste sind neueren Datums
Bar und Lounge

Das Golden Rock Inn ist von üppigem Grün umgeben,
in dem es sich zwischen den Mahlzeiten
vortrefflich
wandeln lässt.
Unsere Wohnzimmerpflanzen als Büsche und Bäume
Kunstwerke der Natur
 Das Anwesen datiert von 1801.
Noch ein Herrenhaus einer ehemaligen Zuckerrohrplantage, heute Hotel und Restaurant 

Rechts der rot und gelb blühende Nationalbaum Flambouyant Tree
  Es liegt an der Atlantik-, also Ostseite von Nevis und hat einen eigenen Strand.
Die Lounge im schönsten Kolonialstil 
Am nächsten Tag führt uns eine Wanderung hoch Richtung Berg Mount Nevis an dem 150 Jahre alten Baobab Baum vorbei ...

...zu verwunschenen Ruinen alter Plantagenwirtschaftsgebäude - die Bäume stützen inzwischen das Gemäuer.
Über mir hängen Fledermäuse an den Balken, wie ich später entdecke.
.
Das Strandrestaurant Lime ist gut besucht.
Aber wir auch. Von einem Kuhreiher.