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Mittwoch, 8. April 2015

Großer Johnny zwischen BVI und St. Kitts


Der direkte Kurs von den BVI nach Guadeloupe ist 130°. Für Samstag, den 4.4. 2015 sind leichte östliche Winde von 3 - 4 Beaufort mit einer zeitweisen nördlichen Tendenz vorhergesagt. Da bei den Kleinen Antillen die Winde immer östlich sind, aber meistens stärker, also zwischen 5 – 6 Bft und zu dieser Jahreszeit oft aus SO oder OSO kommen, ist dies unsere Chance. Ausklarieren bei Zoll und Einwanderungsbehördeb konnten wir am Abend vorher schon. Nun nur noch im Marina Büro den Liegeplatz und den Wasserverbrauch bezahlen, die Duschkarte abgeben und Leinen los! 220 Seemeilen bis Guadeloupe liegen vor uns.
Von Spanish Town/ Virgin Gorda kreuzen wir nordwestwärts aus den BVI heraus und dann segeln wir mit insgesamt 3 – 4 sehr langen Kreuzschlägen bei 3 – 5 Bft bis nach St. Kitts, auch St. Christopher genannt. Das ist eine schnelle Fahrt immer hoch am Wind z. T. mit erheblicher Lage (Schräglage). Es gibt sicher eine thermische Erklärung für die Tatsache, dass der Wind ausgerechnet nachts immer zunimmt und auch nachts besonders gerne böig ist. Es wäre viel schöner, wenn er bitteschön nachts gemütlich - unserem Ruhebedürfnis entsprechend - abflauen könnte.
Gegen 16 Uhr am nächsten Tag als wir auf der Höhe von St. Kitts sind, dreht der Wind direkt uns auf die Nase, d.h. auf genau gegen an und flaut ab. Nach Guadeloupe motoren kommt nicht in Frage, also fahren wir links ran nach Nord-St. Kitts und werfen den Anker nach 150 Seemeilen 1 Stunde vor Sonnenuntergang in der Sandy Point Bay und sitzen kurz darauf zufrieden im Cockpit mit einem sundowner, einem wunderbaren Fischessen und friedlichem Blick zurück nach Eustatia, auch Statia genannt und Saba. 

Der Schlaf währt jedoch nur kurz (jedenfalls für Dörte; Paul schläft wie immer gut), denn schon gegen 3 Uhr probt eine schöne Frauenstimme eine Art Kirchenlied. Das klingt sehr schön und besinnlich-meditativ, kommt aber über Lautsprecher und daher bleiben nur wenige in ihrem Schlaf ungeniert ungestört.
Ab 6:30 geht es dann aber langsam und sich steigernd zur Sache. Den Stil (Wumpta/ High-Life) und die Lautstärke der nun folgenden Musik kennen wir, aber von Karnevalsumzügen am Rosenmontag und es ist Ostermontag!
Später bei der Besichtigung des Brimstone Hill Forts im Ort erfahren wir, dass Ostermontag traditionell auf dem Fort bei herrlicher Aussicht gefeiert wurde. Fürwahr ein erhebender Ort. 



An diesem Lagerplatz werden die Kiele der Yachten für die Hurrikansaison eingegraben

Seit dem Ostermontag 1950 wird jedoch hier oben nicht mehr gefeiert, denn unter den 3000 Menschen, die wie jedes Jahr aus St Kitts und von der Nachbarinsel Nevis auf dem Fort zusammen kamen, um zu picknicken, Musik von verschiedenen Steel- und String-Bands zu hören und zu tanzen und fröhlich den Ostermontag zu genießen, entstand eine Massenpanik, bei der 10 Menschen umkamen. Seitdem müssen die Kittitians und Nevesians im Tal feiern. Wie sich das Unglück zutrug? Ein plötzlicher Regenschauer ließ die Menschen im Hof, auf der Ballustrade oder am Hang Unterschlupf unter den Dächern und in den Räumen des Forts suchen. Dabei stürzten ... trampelten ... Der Grund? Es gab in jenen Tagen den Glauben, dass sich Frauen mit geglätteten Haaren Tuberkulose zuziehen, wenn ihr Haupt nass wird.

Und nun zuletzt das Abenteuer. Am Abend des ersten Segeltages fingen wir einen Mahi Mahi von 1,28 cm Länge. Wir rasten mit 6,5 Knoten durch die stahlgraue See bei bedecktem Abendhimmel. Kaum am Haken tobte und kämpfte der Fisch um sein Leben. Mal sprang er kraftvoll aus dem Wasser, mal schwamm er hinter dem Heck von weit rechts nach weit links, immer den Haken im Maul. Es war schrecklich. Immer wieder fragte ich Paul, ob er sicher sei, dass wir solch einen Johnny von Fisch überhaupt angeln WOLLTEN. - Ich hätte zu dem Zeitpunkt angesichts seiner Größe und der Aussicht auf Unbekanntes darauf verzichtet. Der würde wohl unser ganzes Cockpit ausfüllen? Und hat er scharfe Zähne? Und wenn er im Cockpit immer noch um sich schlägt? - Paul hatte zu viel zu tun mit dem Kämpfen, um mir zu antworten. Das war ein kraftvolles Monster. Aber in den Farben wunderschön: Leuchtend blaue Kiemenflossen, eine lange blau changierende Rückenflosse, der Körper gold glänzend mit leuchtend blauen Punkten und silbrigem Bauch. Oh je! Soll man so einen schönen Fisch überhaupt töten? Der lebt schon lange. Was der wohl alles schon erlebt hat? Und nun kommen wir und machen seinem Dasein ein Ende? Wir reduzieren die Geschwindigkeit. Endlich hat der Fisch sich abgekämpft und schwimmt neben unserem Heck an Haken und Angelleine quasi mit wie ein Hund brav an der Ausgehleine. 

Da nimmt Paul die Gaff und ich die Kömflasche in die Hand (Hochprozentiges ins Maul betäubt) und das Fischwunder weilt nicht mehr lange unter uns.

Die „Harpune“ auf dem Foto ist übrigens keine, sondern eine Gaff zum Hochholen eines schweren Fisches aus dem Wasser, damit die Angelschnur nicht abreißt.
Inzwischen wurde uns mitgeteilt, dass wir dem Foto nach zu schließen eine „Gemeine Goldmakrele“ geangelt haben. Es steht zudem die Behauptung im Raum, dass a.) Mahi Mahi das gleiche wie Goldmakrele ist, b.) das Foto eine Golddorade zeigt. Kann dazu bitte jemand Fachkundiges klärende Worte sprechen?


Jedenfalls: Er, nein, sie schmeckt wunderbar, hat festes weißes, geruchloses, äußerst zartes Fischfleisch, das uns auf der Zunge zergeht. Wir essen Mahi-Mahi-/ Goldmakrelen-/ Golddoradenfilet sogar zum Frühstück leicht gebraten auf Brot (selbstgebackenes Sauerteigbrot). Herrlich. Von den großzügig bemessenen 8 Doppelportionen sind inzwischen noch 3 übrig.